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es ist viel zu früh morgens. also am Tag zu früh.

gemessen an meinem Leben fühle ich mich aber im Mittelfeld: nicht zu früh, nicht zu spät. „pünktlich“ wäre mir ehrlicherweise zu hoch gegriffen. sagen wir: ich bin unterwegs und liege gut in der Zeit.

beispielsweise habe ich eben (in der Winterzeit) kurz nach Sommerzeit gelebt und meine Präsentation geübt. und dafür, dass ich sie mit einer Maximaldauer von 10min vortragen soll habe ich jetzt 60min Zeit zur Vorbereitung gebraucht, was ich sehr ulkig finde. ich schaffe sie jetzt in 10 Minuten. musste dafür aber 60min üben/Notizen machen/die Sanduhr hin und her drehen (weil Stoppuhren mich total rausbringen) und kurz dem Sohn erklären, warum ich um 4:30Uhr bei Licht am Laptop sitze und mit mir selber flüstere.

„Warum musst Du in Deinem Alter noch Präsentationen halten? Du bist doch schon ausgebildet?“ wurde ich auch schon gefragt. im Rahmen der betreffenden Weiterbildung bin ich übrigens recht alt, die anderen sind alle jünger als ich. wie liege ich denn zeitlich in diesem Teilnehmerfeld?

gestern wiederum saß ich in einer Gruppe mit Frauen, die etwas, nicht viel, älter waren als ich. eventuell nicht alle, aber ab einem gewissen Punkt fragen wir ja nicht mehr nach und es relativiert sich auch, weil aus dem Alter ja nicht mehr abgelesen werden kann, welche Erfahrungen auf jeden Fall geteilt werden. ich meine sowas wie geteilte Erinnerungen an politische Ereignisse (wo warst Du am xx.xx.xxxx?) oder typische Nahrungsmittel (erinnerst Du Dich noch an Schaumkussbrötchen?), Radiohits (oh, Hasselhoff hat so hart genervt damals.) oder Fernsehserien (stimmt! Denver Clan hatte ich ja voll vergessen!). was wir teilen wird aber sichtbar bei dem, woran wir teilnehmen. in diesem Fall ein Workshop mit dem Titel „den richtigen Ton treffen – Trauerkarten gestalten“, eingebettet in den Beginn der Trauerwoche 2025 „The Sound of Grief – Trauer trifft Töne“ der https://trauertaskforce.de/ .

wir saßen zu acht im Atelier meiner Freundin um eine lange Basteltafel mit einem üppig bestückten Bastelregal, zu Hefe-Schokozopf und mit Kaffee und Tee. eine Mischung aus Frauen mit partiell gemeinsamer Vergangenheit (und/oder Zukunft) in einem gemeinsamen Thema: Trauer gestalten.

warum bin ich da hin gegangen?

die Frage habe ich mir überhaupt nicht gestellt. ich habe mich nur gefragt, ob ich das Geld für die Teilnahme habe. ich gestalte meine eigene Trauer seit 2004. also über 11 Jahre. ich habe verschiedene Perspektiven genutzt oder ausprobiert oder angemessen oder verlegt. ich habe geweint, gelacht, gesprochen, geschwiegen, gebacken, gezeichnet und geschrieben. ich habe kopiert, gehört, getanzt, geatmet, geträumt, gegrübelt und gehofft. und ich habe immer und immer wieder losgelassen.

natürlich gehe ich zu einem Workshop zum Trauerkarten gestalten. ich teile zwar nicht die Vornahme, dass es zu wenig schöne Trauerkarten gibt, weil ich in den 11 Jahren schon viele schöne gesehen habe (die sind wie schöne Pilze und Du musst sie zugegebenermaßen finden wollen und dafür suchen), aber gestalten finde ich gut. und gestalten mit Gestaltungsprofis erst recht.

wir saßen um die Tafel. uns einte dies sehr eigene Thema. und wir haben losgelassen. Ideen, Worte, Geschichten, Fragen, Annahmen…während wir gemalt, getropft, gewischt, geschnitten und geklebt haben, hat immer eine gesprochen. wie in einer Performance ohne Publikum haben wir einander Räume gelassen. Trauer kann als etwas eigenes begriffen werden, aber sie zieht auch Kreise. sie wird gesellschaftlich gesehen oder nicht. sie kann ein Grund sein oder ein Ziel. Trauer kann absurde Formen annehmen oder alle Farben. sie ist zu tiefst persönlich bezieht sich aber eben nicht nur auf einen selbst sondern mindestens auf ein (fehlendes) Gegenüber. oder eben auch auf einen Verlust von etwas Wertvollem wie Gesundheit.

wenn ich schreibe „ich gestalte meine Trauer seit 11 Jahren“ assoziiert damit sicherlich kaum jemand das, was ich tatsächlich getan habe und wie es sich für mich anfühlt. ich habe meine Trauer nämlich lieb gewonnen. ich habe sie schon an anderer Stelle als „Brücke“ bezeichnet und kenne dazu seit dem Film „Coco“ auch dieses Bild der Brücke zum Jenseits mit den vielen Tagetes-Blüten, die den Weg für die Toten zur heimischen Ofrenda am Dia de los Muertos weisen. meine Brücke ist sicher nicht so breit wie die Disney-Brücke und vielleicht liegen auf ihr auch keine Blüten, aber sie ist fest. zwei Mal im Jahr stehe ich an ihr. ich überschreite sie nicht. ich stehe an ihr und spüre mein Herz in der Verbundenheit zu dem kleinen Jungen, der nicht mehr bei mir ist. wenn ich im Alltag von ihm spreche, bewegen sich in mir keine Gardinen im Wind. aber an meinen Trauertagen, seinem Geburtstag- und seinem Todestag, wehe ich selbst im Wind wie eine Gardine.

meine Trauer um mein Kind hat einen festen Platz in meinem Sein. ich halte sie möglichst kitschfrei und entstaube sie auch immer wieder. sie hat sich verändert. oder entwickelt? gewachsen ist sie nicht, denn sie ist nicht größer geworden. aber sie ist nicht mehr wegzudenken. sie ist gebunden an mich, aber meine Söhne tragen einen Teil davon. der Bruder, der jetzt 22 wäre. der Bruder, der nie groß geworden ist. der vierte Geburtstag in unserem Küchentisch-Geburtstags-Ritus. das Herbstgeburtstagskind mit den roten Blumen.

ich kann nicht sagen, dass ich wüßte, dass das alles richtig ist. ich kann aber sagen, dass ich weiß, dass es mir damit gut geht. ich kann sagen, dass ich keine Entscheidung bereue. dass ich damit leben kann. dass ich darüber sprechen kann. dass mir gefällt, dass ich das ganze Jahr nichts verdrängen und vergessen muss und die Trauer sich in meinem Herzen nicht im Salon bewegt sondern eher in der kleinen Bibliothek, dass sie aber zu den Feiertagen ganz selbstverständlich in den Mittelpunkt meines Herzenshaushalts rückt.

bei den Fragen von gestern, ob Trauer eine bestimmte Farbe oder Form habe, waren wir uns schnell einig, dass es da keine Einigkeit geben muss, selbst wenn sich viele Trauerkarten in Monochromie bewegen und Beerdigungen sicher in den meisten Fällen etwas schwermütiges anhaftet. dies alles ist nur ein Moment in der Zeit, der sich erst später mit allen anderen Momenten der Trauer als das Schmuckstück zu erkennen gibt, das die Zeit daraus macht. wenn wir sie lassen. wenn wir mit der Zeit gehen und liebevoll mit uns bleiben können. uns der Veränderungen nicht verweigern sondern sie zu( )lassen. wie altern. wie Wachstum. wie Wechseljahre. wie Verluste.

ich schaue so gern zurück auf diesen Prozess. und mir gefällt meine Zuversicht, dass ich das habe, was ich brauche, um auch in Zukunft weitergehen zu können. mir gefallen meine Karten von gestern. gefallen haben mir die wilden Farben und zarten Worte der anderen Frauen sehr. meine Karten zeigen die Kontraste, die ich so liebe. Fransen in einem Rahmen. Flecken wie aus Versehen oder Unachtsamkeit. das, was aus dem Alltag kommt und bleibt, erst unliebsam oder nach Möglichkeit vermieden und was fehlen würde, wäre es nicht da. die Erlaubnis, sich zu verlaufen. die Erlaubnis, die Farbe verlaufen zu lassen. etwas aus dem Geflecht zu lösen oder aus dem Papier zu reißen und doch in einem klaren Rahmen zu bewahren.

im Grunde ist Trauer eine Form der Dankbarkeit als Antwort auf das Geschenk, dass der Mensch uns gab, bevor er ging. und sie endet nie. in Gedanken sehe ich die Frauen von gestern leise nicken. und in meinem Herzen fühle ich die Ruhe, die entsteht, wenn etwas gut ist.

Liefs,

Minusch

PS: der Text ist jetzt seit etwa 1h online, aber mir hat noch niemand geschrieben, dass 2004 keine 11 Jahre her ist. das spricht, denke ich, absolut für uns alle!

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