(in)akzeptabel

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herzlich willkommen in meinem persönlichen Bereich der Dilemmata ab Ende 40. ja, das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden (Sprichwort), aber in irgendeinem Lebensbereich muss doch langsam mal die eingeübte Routine greifen. so wie bei einem Job nach 10 Jahren keine Hektik mehr aufkommt, weil, dem Jahreszyklus gemäß, Zusatzaufgaben aufpoppen oder Softwareupdates anfallen oder verpflichtende Veranstaltungen, die wirklich nicht gebraucht werden. so ergeben sich auch im Familiensystem Routinen. ich muss nicht mehr ganze Sätze rufen, wie: „Jungs, es ist 7:00Uhr! Ihr solltet wirklich aufstehen! ich mache Euch kein Frühstücksbrot, damit Ihr eine Stunde länger schlafen könnt!“ es reicht ein herzhaftes: „Jungs!!?“

ich habe scheinbar unterschätzt, dass für meine Routine nicht ausreicht, entschlossen ich zu sein. ich muss wohl auch entschlossen aktiv ich sein. beispielsweise im Lebensbereich der Partnerschaft. ich dachte, ich könnte auf Routinen zurückgreifen, aber…10 Jahre Single-Haushalt mit zwei Jungs. was soll ich sagen?

mir war nicht klar, dass ich mit 48 noch genauso von außen bewertet werde wie mit 18. ich habe komplett unterschätzt, wie fest verwurzelt Masking auch bei uns neurotypischen Menschen ist. ich geh offen auf Menschen zu und kann natürlich belogen werden. ich bin ja offen und schließe in dem Punkt von mir auf andere. warum auch nicht? Lügen ist ressourcenintensiv, es sei denn Dir ist Dein Gegenüber komplett egal. aber das nehme ich ja auch nicht an. also warum sollte jemand ernsthaft lügen…?

gleichzeitig ist es aber auch so, dass Du nach einer gewissen Dating-Erfahrung weißt, was Du dem Gegenüber besser mal nicht erzählst, weil das in der Regel keiner locker nimmt. dazu zählen schlechte Erfahrungen mit dem/der Ex, Schulden, Sucht, psychische Erkrankungen, fehlendes Netzwerk, Begleitung der Elternschaft durch die Jugendhilfe…

wenn ich also weiß, dass solche Punkte eher verschleiert als offen gelegt werden, frage ich dann nach? suche ich nach den dicksten Sollbruchstellen um mir Schmerzstress zu ersparen? oder lass ich mich treiben, weil Menschen eine faire Chance verdienen? genieße ich (beinah naiv) meine Verliebtheit und das Taumeln und Lachen und Träumen? oder packe ich mir wöchentlich kritische Nachfragen in die Wiedervorlage?

wie schön ist eine Verliebtheitsphase, wenn sie scheibchenweise abgetragen wird bis zu dem Punkt, an dem die Frage im Raum steht: „wer ist dieser Mensch?“

auf meinen traumhaft schönen Sommer mit Swingtanzen, Marmeladekochen, Badeseeschwimmen, Grantlschrauberanhimmeln, Lachen und Sonnenschein folgte ein herrlicher Herbst voller Kichern und Cozyness. unterbrochen von einem „ich bin eben so“. das führte zu einem etwas gedämpfteren aber ernsthaften Adventskalender-November, assisted decembering und Heiligabend mit Norovirus für alle, einem Rückschlag kurz vor meinem Geburtstag und Schnee mit Freunden, während ich meine Rolle als Trauzeugin von vor ein paar Jahren hinterfragen musste.

und jetzt ist der Februar noch nicht vorbei, ich bin müde von Krisenintervention und Krisenkommunikation, vermisse Leichtigkeit und Lust am Tun und habe eigentlich keine größeren Fragen außer: ist Naivität bug oder feature?

ist es überhaupt noch ratsam, offen zu sein außerhalb eines professionellen Rahmens? manche würde sagen nicht einmal da. wie finde ich heraus, was die pressure points sind, die mich dazu bringen, verliebt zu sein? ich würde die gern mal überprüfen. liegt es an mir? suche ich mir die Falschen (TM)? oder bin ich zu offen und wäre besser etwas zurückhaltender? geht das überhaupt während Verliebtheit? ist das Schöne daran nicht gerade die radikale Bereitschaft, sich zu freuen? oder bin ich mit der Annahme schon naiv?

ist vielleicht meine Erwartungshaltung, dass mein Gegenüber sein Leben so im Griff hat wie ich meines schon zu viel?

ein paar Mal habe ich überlegt, ob mein Gegenüber ein Mensch ist, mit dem ich mir vorstellen könnte, als alte Madame noch in der Küche zu sitzen und habe beherzt mit „ja“ geantwortet. die Idee einer Beziehung erschöpft sich ja nicht darin, nur happy-time zu haben und sich gegenseitig Seifenblasen entgegen zu pusten. die Idee, eine Einheit zu bilden, die einander sieht und hält und unterstützt und begleitet, ist mir viel näher als das Seifenblasengepuste. ein partner in crime für den Alltag. für Kuchen wie für Kartoffeln mit Butter. für den Rahmen um „from 9 to 5“ sowie für Urlaubstage.

aber wie komme ich da hin?

in Zeiten von red flags ist es gar nicht so leicht, mutig zu sein. aber Lügen tolerieren? weiß ich zu viel über die Auswirkungen oder zu wenig? ist es ok, meine Kraft an jemanden zu verschenken, der/die aus Angst lügt, verheimlicht und so den eigenen Stress maximiert obwohl das viel mehr Leuten schadet und niemandem nützt? wie tief sitzen die Verlassensängste bei Menschen Ende 40? wie hoch ist eigentlich die Wahrscheinlichkeit, einen Single mit Ende 40 zu finden, der nicht komplett verkorkst ist?

wenn ich ehrlich bin, weiß ich bis heute nicht, ob ich eine gute Partnerin bin mit meiner Geschichte. ich bin im Alltag unflexibel, habe perimenopausale Stimmungsschwankungen, werde heute noch vom Vater meiner Kinder verletzt. niemand aus meiner Herkunftsfamilie redet noch mit mir. bin ich eine gute Partie? kann es zu meinem Topf echt einen passenden Deckel aus derselben Produktlinie geben oder tut es nicht auch ein Deckel, der ein wenig zu groß ist aber immerhin einen Griff hat, an dem ich mir nicht die Finger verbrenne?

die Welt dreht sich weiter. Geld ist und bleibt der Motor, Macht das Ziel. es gibt immernoch keine Partei, die meine Interessen vertritt. ich habe 10jähriges Dienstjubiläum, die Jungs werden größer und immer selbständiger. die Wohnung ist zu klein und der gestiegene Lärmpegel draußen nervt hart. eine neue Wohnung hier in der Nähe unserer Freunde zu finden mit einem Zimmer mehr wäre wirklich ein Traum, wirkt aber ebenso unwahrscheinlich wie eine Beziehung zu einem komplett aufgeräumten Menschen in meinem Alter und mit meinem Humor.

ich denke, an dieser Stelle darf ich mich dahingehend entlasten, dass ich mir sagen darf: es gibt kein richtig oder falsch. wenn ich mit mir klar bin, mach ich nichts falsch. egal was ich tu, es ist nur ein Weg, kein Urteil. Beziehungen scheitern in allen Lebensphasen, gelogen werden kann immer und ich habe schon härteres ausgehalten, was nicht heißen soll, dass ich das locker nehme.

das ändert allerdings leider nichts daran, dass ich gerade nicht weiß, was für mich das richtige ist. aber wenn ich auf Seneca höre, der gesagt hat: „Ignoranti quem portum petat nullus suus ventus est“ („wer den Hafen nicht kennt, dem ist kein Wind der erwünschte“) und wenn ich die Acceptance und Commitment Therapie mit dem Bild des Treibsands einbeziehe, die empfiehlt, solltest Du emotional in Treibsand geraten, Dich ruhig zu verhalten und möglichst flach „hinzulegen“, dann komme ich raus bei: calm down and wait.

manchem muss man Zeit geben, um zu wachsen. manchmal selbst dem Wunsch, zu gehen oder zu bleiben.

Liefs,

Minusch

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Eine Antwort zu „(in)akzeptabel“

  1. Avatar von Xeniana

    Das mit dem Treibsand ist ein schönes Bild

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