Ich lese brav im Rahmen meiner Möglichkeiten andere Menschen Blogs. Ich folge auch gern deren links bei twitter. In sehr vielem Fällen bereichern diese links oder das, was ich dort lesen kann, in irgendeiner Form meine Gedankenwelt. Vieles gibt ein gutes Gefühl. Vieles empört. Aber gerade…gerade…ich kann das mit dem Mut nicht mehr lesen. Ich will nicht ermutigt werden, Mut zugesprochen bekommen, als mutig oder nicht mutig beurteilt werden. Der Begriff „Mut“ ist für mich eine Art Erziehungshilfe um ein Wort für „sich ein Herz fassen“ und/oder „etwas wagen“ schnell auf den Punkt bringen zu können. Brauche ich Mut zum Leben? Himmel! So weit kommts noch!
Ich mag dieses Wort nicht, weil ich seine Zusammenhänge nicht mag. Menschen die Krisen durchstehen, haben keine andere Wahl. Da braucht niemand dran zweifeln oder trotzdem Mut irgendwoher konstruieren. Steckt ein Mensch in einer Krise gibt es die Frage „trau ich mir das zu?“ gar nicht mehr! Krisen und Mut passen nicht zusammen, denn in aller Regel gibt es eben keinen Entscheidungsspielraum. Höchstens „Naturmedizin oder Homöopathie“, „Reanimation oder Loslassen“, „leben lassen oder abtreiben“, „Natur oder lackiert“…und ich wage zu behaupten, dass auch das keine Entscheidungen sind, die Mut brauchen. Sie werden in Verzweiflung und unter Druck getroffen. In einem Zustand der Überforderung. Und in einer Glaskugel voller Einsamkeit. Mut bringt uns nicht dorthin. Mut holt uns nicht dort raus.
Andererseits: dort, wo Mut passiert, bleibt der oder die Mutige beinahe grundsätzlich allein zurück. Ich nenne Beispiele:
Mutig ist eine junge Frau, die einem alkoholisierten und seit 20 min aufdringlichen Typ vor aller Augen ins Gesicht schlägt, um die Freundin zu schützen. Anschließend wird sie auf die begangene Körperverletzung hingewiesen und belehrt. Konflikte lösen wir so nicht. Alles, was dem vorausging, ist unwichtig. Zack.
Mutig ist eine Anerkennungspraktikantin, die Missstände in der Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern dokumentiert und ans Jugendamt weiterleitet. Anschließend verliert sie ihren Job, bekommt einen Dankeschön-Händedruck vom Jugendamt und der Laden läuft weiter, aber viiiel besser kontrolliert, Ahja…das einzige, was erreicht wurde: die Hochschule erkennt der Einrichtung ab, dass sie Praktikanten bekommen kann. Naja, dafür haben diese sicher die Rechnungen ans Jugendamt erhöht.
Mutig ist ein kleines Mädchen, das Robin Hood zum Vorbild nimmt und Schwächere vor den Angriffen Stärkerer schützt. Sie wird ausgelacht, mit Äpfeln beworfen, bleibt Zielscheibe. Wer hilft ihr?
Mutig ist die Frau, die die Reisegruppe in Südafrika verlässt, weil sie Übergriffe des Scouts auf andere Frauen nicht mehr erträgt. Sie reist anschließend allein und bleibt in dem einzigen Hostel, das sie kennt, während der Rest Elefanten fotografiert.
Mutig ist die Studentin, die ihrem Dozenten als Seminararbeit ein ganzes Theaterstück inklusive gewünschter Analysen in die Hand drückt. Sie kriegt ein „ausreichend“, wegen der Form. Und das im Bereich der psychosozialen Familienberatung.
Mutig ist die Studentin, die konsequent eine Tanzperformance zu Depression bei Erwachsenen entwickelt, umsetzt und wissenschaftlich unterfüttert. Kein Professor kam zur Premiere.
Mein Leben ist voll von diesen Situationen. Und niemals hat mir wirklich jemand Mut gemacht, oder den Mut anerkannt. Ich habe also immer für mich gehandelt. Mein Seelenheil, mein Karma. Mut? Bringt der was? Hat sich eigentlich nur für mich gelohnt. Erwartet wird Konformität, Vergleichbarkeit, Ausgeglichenheit. Wir brauchen keine Tänzerinnen im Park. Wir brauchen keine Zivilcourage. Jeder kocht seine Suppe, läd die anderem auf eine Stippvisite ein und dann werden die Türen wieder zugeschlagen. Ich kann niemandem verdenken, sich gegen Mut zu entscheiden. Mit Mut hast Du kurz einen Adrenalinsturm und das Gefühl des im-Recht-seins. Mehr bleibt nicht. Eher kommt die Reaktion „Störung unerwünscht“.
Nein, ich glaube nicht, dass wir Mut brauchen, um Familien sein zu können. Männer bleiben nicht aus Mut auch dann, wenns haarig wird. Frauen behalten kranke Kinder nicht aus Mut. Es geht hier nicht um Mut zum Leben. Es geht um eine Grundhaltung, die erschüttert werden kann. Liebe zum Leben, Glaube an das Gute und ein Gefühl von Sinnhaftigkeit. Mut wird erst dann wieder wichtig, wenn wir einen gefährlichen Gegner haben.
Und mit Angst hat der Mut auch nichts zu tun. Eher mit Überzeugung. Kraft. Und mit einer klaren Richtung. Einer klaren Botschaft an uns selbst.
Während ich tippe schläft der Kleine auf meinem Bauch. Ich hab kalte Füße. Es ist höllisch unbequem. Aber ich traue mich nicht, aufzustehen…
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