Gerade gab es eine wirklich ganz kleinen weil Zeichen-technisch begrenzten Austausch zwischen Mama-notes und mir auf twitter. Ausgelöst durch eine Star Wars-Bezogene Frage des offensichtlich dafür zu jungen Sohnes einer anderen Mama.
Und jetzt sitze ich hier und habe das Gefühl, meine Perspektive genauer beschreiben zu wollen, denn: ich habe Star Wars relativiert. In manchen Augen vielleicht verharmlost. Hm…ich kann die Irritation und Sorge ja gut verstehen. Wer möchte seinen 4jährigen mit Kriegshandlungen auseinandersetzen? Andererseits: wer möchte, dass andere 4jährige das für uns übernehmen?
Ich denke schon lange über die schweren Themen nach und wann wohl der richtige Zeitpunkt ist, mit den Kindern darüber zu reden. Ich sammle tatsächlich sogar Bilderbücher mit besonderen Themen. Mit Melancholie, Tod, Krieg, Angst, Armut, Einsamkeit…damit ich im Ernstfall Unterstützung habe und auf etwas zurückgreifen kann, was schon durch andere gefiltert wurde, denn ich bin mir inzwischen sicher: Diese Themen kommen von außen und zu einem Zeitpunkt, auf den ich keinen Einfluss habe.
Ein beiläufiger Blick in die Tagesschau. Ein verstorbener Verwandter. Ein Unfall. Der Wegzug eines Freundes. Ein totes Tier.
Durch mein lange-damit-beschäftigen und vielleicht auch durch meine Schwerpunkte im Studium, durch meinen dritten Sohn, fühle ich mich relativ angstfrei, wenn es um die dicken Brocken geht. Denn: das, was für uns an diesen Geschichten schlimm ist, ist unser Gefühl. Das, was bei uns (!) angestoßen wird. Erinnerungen, die sich unweigerlich mit den Bildern verbinden und uns zurückkatapultieren in den Zustand, in dem wir waren, als wir überraschend damit konfrontiert wurden. Kleinkinder haben diese Verbindung zu den Bildern noch nicht. Sie sind ja gerade erst dabei, die Welt mit Bedeutung zu füllen. Erst ist es ein Hase, dann ist der große Tröster, dann ist er der Verlust des Schlafes, wenn er fehlt. Die Reihenfolge wird eingehalten. Allerdings beeinflussen unsere Gefühle selbstverständlich stark die Bedeutung, die einem Bild gegeben wird. Wenn ich immer weine, wenn von Tod die Rede ist, lernt mein Kind etwas anderes als wenn ich ruhig darüber spreche (was ich nur wirklich ganz selten kann…). Wenn ich kriegerischen Handlungen von Anfang an emotional begegne, weil mich die Konsequenzen eben sehr berühren, dann färben diese Gefühle in irgendeiner Form auf mein Kind ab.
Dabei ist Krieg auf die Essenz runtergebrochen nichts anderes als ein Wettkampf.
Tod, die Trauer der Angehörigen, die Zerstörung von Zuhause und die Ängste sind für ein Kind nicht fassbar. Die Augen sehen, dass etwas kaputt ist, aber der Kopf weiß nicht, dass das auch unser Zuhause sein könnte. Oder unser Papa. Oder die Familie des Freundes. Bilder sind Spielzeug. Bilder sind nicht echt. Sie leben nicht. Und Filme sind auch nur bewegte Bilder. Sie sind nicht echt…Kinder verstehen das.
Nein, ich lasse meine Kinder sicher nicht Tagesschau sehen, bevor sie in der Schule sind (und dann dauert es bestimmt auch noch eine ganze Weile). Die Tagesschau zeigt Bilder, die echter sind als andere Bilder im Fernsehen. Aber Star Wars ist einem Traum entsprungen. In Star Wars fließt so gut wie kein Blut. Wir wissen von Anfang an, wer die Guten und wer die Bösen sind. Die Guten gewinnen. Es gibt tolle Kostüme, fliegende Autos, witzige Außerirdische. Und Kampfszenen sind zwar noch nicht auf heutigem level geschnitten aber dennoch sehr schnell. Und wenn Raumschiffe bunte Leuchtkugeln schießen, können die ja auch nicht wirklich weh tun. Explosionen sehen verrückt aus. Kein Body Count. Und immer wieder Szenen von Menschen, die sich in den Arm nehmen und füreinander da sind. In den Filmen herrschen Entschlossenheit, Solidarität, Mut und Hoffnung vor. Nicht Angst. Brutalität oder Folter (nein, jemandem die Hand abzuschlagen ist sicher nicht harmlos, aber auch diese Szene ist sehr schnell vorbei und irgendwie unwirklich und in der TV-Version sogar rausgeschnitten).
Ich möchte nicht dazu aufrufen, mit Kleinkindern Space-Action-Kino zu sehen. Himmel, nein. Und schon gar nicht 121min lang. Aber ich denke: es ist nichts entwicklungsgefährdendes an punktueller Konfrontation. Schwierig wird es erst, wenn wir als einziges Argument haben „dafür bist du noch zu klein“. Wenn das Thema auftaucht, braucht es einen Raum. Ein Gespräch darüber, worum es geht und ob das wirklich interessant ist. Vielleicht eine Alternative? Gut, da müsste jeder für sich herausbekommen, was die interessanten Elemente sind, um die es geht.
In Pinocchio gibt es Roadtrips.
In Dr. Snuggles gibt es seltsame Wesen und eine Rakete.
In Avatar – Herr der Elemente gibt es Krieg und Zusammenhalt und besondere Talente/Kräfte.
In Heidi wird Einsamkeit abgehandelt.
In Captain Future werden Planeten gerettet und Freunde helfen einander.
In Lady Oskar kämpft eine Frau als Soldat und es geht um Beziehungen.
…und das ist nur mein Ausschnitt von Serien, die ich von vorne bis hinten gesehen habe. Andere haben vielleicht noch passendere Serien im Gedächtnis oder kamen mit Pokemon besser klar als ich, oder verstehen Dragonball. Oder vielleicht es dem Kind auch gar nicht um das Medium sondern um andere Elemente der Geschichte?
Ja, alle Serien müssen mit den Kindern zusammen gesehen werden. Wir müssen auch da bereit sein, zu antworten. Aber dem Ganzen offensiv entgegen zu gehen, bringt allen mehr Sicherheit als schlichte Entrüstung über etwas, was von außen an uns herangetragen wurde.
Gleichzeitig gilt das Dogma: Jede Familie hat ihre eigenen Regeln und niemand sollte etwas machen, nur weil es jemand anders auch so macht! << das steht unverrückbar fest.
Und es ist auch nachvollziehbar, Action-Filme für den letzten Scheiß zu halten. Ich wünsch denjenigen dann einfach gute Argumente dafür. Beispielsweise: „In dem Film geht es um Themen, die manche lustig finden, aber ich finde sie ehrlich gesagt bedrückend. Und solange ich mir nicht sicher sein kann, ob Du das wirklich auch lustig findest oder ob es Dich nicht so traurig macht wie mich, solange will ich Dir den Film lieber nicht zeigen. Wir können aber zusammen etwas suchen, was ich kenne, und wovon ich sicher bin, dass es Dir Spaß macht. Vielleicht was anderes mit Raumschiffen?“
Zusammengefasst möchte ich ausdrücken, dass wir filtern müssen, was unsere Kinder wahrnehmen. Dass wir aber keine 24/7-Kontrolle darüber haben und dass Themen in unsere Familien kommen, die wir als unpassend, zu früh oder falsch einschätzen. Und trotzdem sind sie da. Wir können sicher nicht alle Serien und Filme Probe-angucken, um fest im Sattel zu sitzen und vorab urteilen zu können. Aber wir können mit den Kindern zusammen die Konfrontation suchen und mit ihnen gemeinsam bis zu dem Punkt gehen, an dem wir sagen: Fühlst Du dich dabei noch gut? Also ich nicht. Sowas müssen wir uns nicht anschauen. Lass uns doch zusammen was anderes machen…
Liefs,
Minusch
PS: Vielleicht ist der Star Wars-Schlüssel, um den es ging, auch einfach nur ein begehrenswertes Gimmik. Ein besonderer Schatz. Ohne Explizite Verbindung zur Ursprungsgeschichte…
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