guten Abend
Zeit für den 23. Leonce und Lena Preis und ich saß ganz hinten neben meinem nach Erdnüssen riechenden Sohn und war perplex. war ich auch so jung damals? Geschichten von unerlebten Revolutionen und inneren Konflikten, Aufarbeitung der eigenen Sterblichkeit mit Mitte 20…und ich spüre wir mir 9 Tage zu spät das Blut im Schlüpfer steht, weil ich vor lauter Perimenopause und Stress nicht zum Follikel abstoßen kam.
ist die Zeit stehen geblieben? oder hat sie sich vielleicht versteckt? an meinem Körper kann ich die Zeit messen in Kilogramm, Zentimeter, Graustufen und Pigmentflecken auf den Handrücken. auch mein Ausweis verrät die vergangene Zeit, denn er ist nur noch bis Juli gültig. meine Kinder sind auch gute Messpunkte: von nicht-mal-erträumt über mach-endlich bis „Ich brauche ein neues Fahrrad, Mama“ kann ich vieles in Erinnerungen belegen.
wieso schrieb die junge Frau über Mauersegler wie ich damals über Taubendreck? und wieso streiten sich doppelt bis dreimal so alte Menschen über die Qualität unumgangsprachlicher Worte? wieso fällt dem Bürgermeister immer nur das Naheliegendste ein? und wieso bedeutet ein Mensch, der nicht mehr da ist mehr als die, die da sind?
dieser Blog sollte eigentlich schon sterben. 100Euro im Jahr für eine eigene Webadresse sind mir nach wie vor zu viel. und dafür, dass dieser Blog verrät, wer ich bin, etwas, worauf ich mal sehr stolz war, sind 100Euro, die ich bezahlen muss, sogar tendenziell wahnsinnig. und das auch nur, weil ich eine Meinung habe…
ich habe sogar mehrere Meinungen, aber die meisten meiner Meinungen sind den meisten Menschen schlicht nicht wichtig. es geht um eine ganz bestimmte Meinung, die in Zusammenhang mit diesem Blog und allem dazu geführt hat, es sterben lassen zu wollen. eine Meinung. ein Gedanke, den ich für unumstößlich und unauflöslich halte. eine Wahrheit, auf der vieles von dem steht, was ich verkörpere.
gleichzeitig sehe ich selbstverständlich die Hinweise anderer, die das anders sehen als ich. ich registriere, dass meine Wahrheit nicht von allen Menschen geteilt wird. das ist allerdings gar nicht so neu für mich. als Feministin der zweiten Welle, habe ich schon öfter erlebt, dass mir Menschen widersprechen, meine Meinung für überholt/verkopft/hysterisch/dumm/unnötig/bequem/t.b.c. halten. auch als begeisterte Verbalkombatandin habe ich schon einiges eingesteckt. ich bin wahlweise zu jung, zu alt, zu elitär, zu oberflächlich, zu uninformiert oder zu festgefahren. ich habe gelernt, sowas einfach im Raum stehen zu lassen. und mir gefallen solche Bewertungen, die in Räumen stehen sogar ganz gut. ich kann drumherum gehen, kann sie abtasten, ignorieren, drauf leuchten, andere dazu befragen oder einfach drüber lachen. je nach hormonellem Status, Laune, Belastung und Gegenüber. als ich mal aufgrund meiner Meinung, ein Besoffener habe in der Straßenbahn keine muslimischen Familien anzupöbeln, als „Türkenschlampe“ bezeichnet wurde, konnte ich sehr herzhaft lachen. als meine Diplomarbeit in konsequent weiblicher Form eben wegen dieser Form von der Zweitkorrektorin nur mit einer 3 bewertet wurde, hat mich das gestört. und wenn meine Kinder mich wahlweise „beste Mama der Welt“ oder „beschissenste Mama der Welt“ nennen, dann schwinge ich nur ganz leicht mit, wie ein Büschel Traubenhyazinthen im Frühling…
ich habe also eine Meinung und Erfahrung damit, eine Meinung zu haben. und trotzdem fürchte ich mich jetzt. früher nicht. jetzt schon. denn ich sehe, was mit Frauen geschieht, die Meinungen haben. sie werden beschimpft. gut, das kenne ich. selbst wenn es härtere Beschimpfungen werden, kenne ich das. ich bin eine Frau mit Meinung, Hallo, na klar. wir alle kennen das. aber es endet nicht bei Beleidigungen. Frauen mit Meinung werden bedroht. und nicht nur sie, sondern auch ihre Kinder. und zwar weltweit. und sie werden nicht nur bedroht, sie werden auch rechtlich belangt. und selbst wenn die Anzeigen inhaltlich komplett Banane sind und bleiben, stehlen sie Frauen etwas wertvolles: Zeit.
wie oft habe ich schon in diesem Blog beschrieben, dass mir Zeit fehlt? Zeit zum ich sein, zum mich selbst umsorgen, mir selbst Freude machen? wieviele atemlose Textpassagen habe ich darüber geschrieben, dass ich müde bin? ich arbeite, umsorge die Kinder, fange Eventualitäten ab und gehe wieder schlafen. was würde geschehen, hätte mich jemand im Visier, weil ich eine Meinung habe? weil ich diese eine Meinung habe, die ich aktuell nur leise zu haben habe? was würde geschehen, wenn mich ein aus Bundesgeldern oder EU-Geldern finanzierter Verein auf dem Kieker hätte? eine Gruppe Menschen, die nichts zu verlieren haben, weil sie als Verein auftreten können? wenn diese Gruppe sich überlegt, dass ich meine Meinung nicht nur leise sondern gar nicht zu haben habe? klingt das abstrakt und überzogen? ja! sogar sehr! aber es geschieht. es geschieht mit Frauen, die Meinungen in einem ähnlichen Bereich haben wie ich. sie sind plötzlich konfrontiert mit amtlichen Schreiben und brauchen rechtliche Vertretung und können sich über laufende Verfahren nicht äußern. deren Leben gehen weiter, aber von ihrer Zeit geben sie ab diesem Zeitpunkt etwas ab, ohne sich dagegen wehren zu können. ohne herzhaft lachen und einfach weggehen zu können.
als ich heute in der Lesung saß war ich schockiert über die Banalitäten, die ich dort ausformuliert fand. es fühlte sich an, als sei die Zeit stehen geblieben. ach was stehengeblieben: als hielte sie jemand mit aller Gewalt fest. die erste Dichterin am Mikro las ihre Texte genauso wie die alte Literatin in der Jury. der einzige Unterschied war, dass die Jury-Literatin saß und die Wettbewerbs-Literatin stand. wie kann sich etwas, was so sehr dem Wandel unterliegt so wenig ändern? wie kann es Teil einer Eröffnungsrede sein, Jugendsprache als notwendig anzuerkennen? und wie können im Publikum reihenweise ältere Männer und Frauen gönnerhaft nicken und auf den Punkt applaudieren zwischen Riesling und Braustübl? zu aktueller Lyrik?
wie soll ich da schweigen? ich habe zwar nichts veröffentlicht und niemand lobt meinen Mut in verklausulierter Wortwahl Emotionen zu verstecken, aber ich bin es mir schuldig. verdammt bin ich es mir schuldig. meine Realität spielt im Feuilleton nur eine Rolle, wenn die Hauptperson dramatisch auffällt. niemand filmt Wollmäuse, den Fettfilm in der Bratpfanne oder den Moment vor dem Kassenprogramm, wenn die Panik ausbricht, weil nicht mehr klar ist „Rückzahlung Vorschuss“ oder „Vorschuss auszahlen“? niemand beschreibt die Verknappung der Zeit zwischen 7 und 7:30Uhr, in der ein halber Tag abzulaufen scheint, wenn Brote geschmiert, Müslis geschnippelt und verputzt, Bauchschmerzen geheilt und Unterschriften geleitet werden. niemand formuliert die Endlosigkeit einer Hitzwelle auf dem Weg ins Mitarbeiterjahresgespräch oder die Ambivalenz von fehlendem Progesteron. es gibt keine Songs über mich oder mein Leben.
ich finde aber statt.
deswegen stirbt dieses Blog nicht. nicht jetzt.
einatmen – ausatmen – losschreiben
Liefs
Minusch
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